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Post vom Kanton

Die Tür zum Erwachsensein hat sich ein Spalt geöffnet. Eher unfreiwillig nehme ich den weissen Umschlag von meiner Mutter entgegen, und starre sie leicht verwundert über ihre Worte an: «Willkommen im echten Leben.»

Habe ich bis jetzt in einer Testsituation gelebt, oder was? «Was ist es?» Sie lächelt mich nur an und ich werde leicht nervös. «Was ist es?» Ich schaue auf den Umschlag, das Gemeindewappen sticht mir ins Auge. Es kann doch nicht etwa… Ich schaffe es nicht den Brief in einer Bewegung zu öffnen, sondern reisse in meiner Hast nur die rechte Ecke ab.

Für einen Moment befürchte ich, dass der Inhalt darunter gelitten hat, fahre aber Sekunden später fort und kriege das Papier schliesslich zu fassen. Meine Augen überfliegen die Zeilen und bleiben an einem Wort hängen: STEUERERKLÄRUNG.

«Es ist doch noch zu früh…» die Worte sind an niemanden bestimmtes gerichtet, meine Mutter antwortet mit einem Lachen und verlässt das Zimmer. Ich lese leicht fassungslos durch den Brief, ohne richtig den Inhalt aufzunehmen. 24.- Fr., soviel schulde ich dem Staat. Ich falte das Papier zusammen und lege es irgendwo hin und verdränge es aus meinen Gedanken. Ich glaube ich komme nächste Woche oder so darauf zurück. Bis dahin geniesse ich die süsse Existenz einer Unwissenden und gehe dem echten Leben noch ein bisschen länger aus dem Weg.













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